FRAUENHAUS ALS CHANCE Erfahrungsbericht einer ehemaligen Bewohnerin ...und plötzlich sagte der Polizist, „sollen wir Sie ins Frau enhaus bringen?" Das war das Stichwort, vor dem ich mich schon lange gefürchtet hatte. Ein großer Schlafsaal, in dem man mit unzähligen fremden Frauen in einem Schlafsack auf dem Boden übernachten muss, das war meine Vorstellung vom Frauenhaus. Verständlich, dass ich mich auf dem Weg dorthin reichlich unbehaglich fühlte. Die erste Nacht tat ich vor Aufregung kein Auge zu. Gefühle und Gedanken, die ich nicht beschreiben kann, schwirrten in mir herum. Doch schon am nächsten Tag ging es mir we sentlich besser, als ich von Betreuerinnen und Zimmernach barinnen freundlich willkommen geheißen wurde. Dazu kam noch, dass meine Vorstellungen, bezogen auf den Schlafsaal oder die Gemeinschaftstoilette falsch waren. Ich hatte sehr wohl die Möglichkeit, mich in mein eigenes Zimmer zurück zuziehen. Nach einigen Tagen, in denen ich mich einge wöhnt hatte, wurde das Haus etwas voller. Ich hatte wieder einmal die schlimmsten Befürchtungen, als ich hörte, dass neue Frauen einziehen würden. Wieder falsch gedacht, ich habe in den „Neuen" sogar Freunde gefunden. Was mich auch vollkommen überraschte, war, dass man sich so viel Zeit für mich und meine Probleme nahm. Lange Ge spräche oder Begleitungen bei Amtswegen sind für die Be treuerinnen eine Selbstverständlichkeit. Im Gespräch mit geschulten Lebensberaterinnen bekam ich nicht nur gute Ratschläge, sondern auch das Gefühl verstanden zu werden, was sehr wichtig für mich war. Abgesehen von ernsten Bera tungsgesprächen und Auseinandersetzungen mit vorhande nen oder neu aufgetauchten Problemen, ging es an man chen Abenden auch sehr lustig zu. So traurig die Beweggründe für eine Flucht ins Frauenhaus sein mögen, wir hatten trotzdem eine Menge Spaß, wir stützten uns ge genseitig, und ich habe es keine Sekunde bereut, auf die ^Frage: „ Sollen wir Sie ins Frauenhaus bringen?", „JA" ge sagt zu haben! BETREUUNG AUCH NACH DEM FRAUENHAUS Der Auszug aus dem Frauenhaus ist meist mit sehr zwiespäl tigen Gefühlen begleitet. Vorherrschend ist die Freude auf die eigenen vier Wände, auf die Möglichkeit der eigenen Lebensgestaltung. Demgegenüber stehen quälende Fragen und Unsicherheit vor der neuen Situation, nun doch gänz lich auf sich alleine gestellt zu sein. I Doch die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses beraten und begleiten die Frauen auch nach dem Auszug bei unter schiedlichsten Problemstellungen. Das im Frauenhaus aufge baute Vertrauensverhältnis ermöglicht, eine beginnende Krise zu erkennen und rechtzeitig Strategien zu entwickeln. Mit dieser weiterführenden Unterstützung ist es den Frauen möglich, die im Frauenhaus entwickelte Eigenverantwortung und Selbstachtung in ihrem neuen Alltag umzusetzen. FRAUENHAUS STEYR ■ FESTSCHRIFT 2002
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