Amtsblatt der Stadt Steyr 1968/10

2 Amtsblatt der Stadt Steyr 1968 Die erste Hauptschule in Steyr Anläßlich der Verlegung der Hauptschule Steyrdorf, seit ihrer Gründung imJahre 1952 im Gebäude Industrie• straße 4untergebracht, in die moderne Taborschule, sei an die Eröffnung der ersten Hauptschule in Steyr, die vor etwa zweihundert Jahren erfolgte, erinnert. Mit der Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV. am 21. Juli 1773 hörte auch dessen Gym- nasium in Steyr zu bestehen auf. Stadtobrigkeit und Bür- gerschaft bedauerten "schmerzlich" den Verlust dieser seit 1632 bestehenden Unterrichtsanstalt. Bittgesuche um "Allergnädigste bewürkung, womit das dasige Jesuiter Collegium mit denen erforderlichen Geistlichen besetzt und versehen werden möchte", die an "allerhöchste Stel• len" gerichtet wurden, blieben erfolglos. War doch um diese Zeit schon ein Schulgesetz in Vorbereitung, das die Einführung neuer Schultypen anstrebte. Bereits am 6. Dezember 1774sanktionierte Maria Theresia die "All- gemeine Schulordnung, für die deutschen Normal=Haupt= und Trivialschulen in sämtlichen Kaiser!. Königl. Erb- ländern". Dieses Gesetz verlangte nicht nur eine Reform der Elementarschulen(Trivialschulen), sondern auch die Errichtung von Haupt- und Normalschulen. Erstere soll- ten eine erweiterte Grundausbildung und für den Über- tritt in eine höhere Sohule di.e ersten Lateinkenntnisse vermitteln, letztere die Ausbildung der Lehrer überneh- men. Obgleich das neue Schulgesetz in Steyr keineswegs mit Beifall aufgenommen wurde, kam es noch im Jah- re 1775 zur Gründung einer Hauptschule. Über Empfeh- lung des Fürsten Kaunitz ernannte die Landeshauptmann- schaft am 30. Juli 1775 A m a n d Berghofe r zum Direktor. Um sein Ansehen und seine Stellung in Steyr zu festigen, richtete die Landesbehörde an den Ma- gistrat folgende Weisung: "Als ergehet hiemit an euch die Verordnung, daß ihr demselben in dem deutschen Schul-Geschäft allgedeihlichen Vorschub geben und all dasjenige genauest in Erfüllung zu bringen bedacht sein sollet, was die untern 6ten Decembris verwichnen Jahrs fürgeschriebene allgemeine Schulordnung vermag". Am 16. November 1775 erfolgte in dem ehemaligen Gymnasialgebäude des Jesuitenordens, heute Michaeler- platz Nr. 13, die feierliche Eröffnung der k. k. Haupt- schule. Ansprachen hielten Direktor Berghofer und Stadt· schreiber Dr. Knab, der die Freude und den Dank der Stadtgemeinde für die Errichtung dieser schönen Anstalt zumAusdruckbrachte. Zum Lehrkörper der damals noch dreiklassigen Schule gehörten der Katechet Pater Cölestin Springenschmid, die Lehrer Sebastian Rebholz, Melchior Haichlinger und der "lateinische Pädagogus" Johann Ge- org Müllner. De r am 1. Dezember 1745 in Grein geborene Direk- tor Berghofer, der 1771 in Wien seine Studien vollendet hatte, wirkte nur einige Jahre in Steyr. Sein Entlassungs- gesuch lautete: "Exzellenzien und Gnaden! Ich bitte um die Erlaubnis, daß ich aufhören darf, zu sein. Ihr gehor- samster Diener Amand Berghofer". Sein weiterer Lebens- weg _führte ihn in die Oberlausitz, nach Baden bei Wien, in den Bayrischen Wald, in die Schweiz, nach Augsburg und Prag. Schließlich fand er in Österreich eine Anstel- lung als Zensor der aufgehobenen Klosterbibliothek. In seinen im Geiste der französischen Aufklärung verfaßten Schriften beklagt er sich über sein Schicksal und übt hef- 154 tige Kritik an der lasterhaften Menschheit und an politi· schen Einrichtungen. Er wird nicht müde, die Schönheit der Natur und des schlichten Landlebens zu preisen. In dem Gedicht "Einladung auf das Land" schreibt er: "Die Einfalt reiner Sitten herrscht unter reiner Luft, in ländlich stillen Hütten bei Florens Blumenduft. Kommt, dort im Grünen wollen wir eins dem andern gleich, uns Früchte, Blumen holen, dann sind wir groß und reich". Über den ersten Direktor der k. k. Hauptschule in Steyr, der nach der "Deutsch-Österreichischen Literatur- geschichte" von J. W. Nagl, J. Zeidler, E. Castle "zu den originellsten Erscheinungen des josefinischen Ober- österreich gehört", urteilt 1784 die "Österreichische Bie• dermanns-Chronik": "Ein verkannter braver Mann, voll Patriotismus, ganz Rechtschaffenheit, der nun zu Wien zwar in Ruhe, aber auch in großer Dürftigkeit lebt. Er ist im eigentlichsten Verstande ein philosophischer Son- derling, dem es unstreitig besser gehen würde, wenn er von seinen etwas überspannten Grundsätzen hie und da ab- gehen wollte. Wieland vergleicht ihn mit weiland dem grundehrlichen Johann Jakob Rousseau, mit dem er, in Rücksicht seines Schicksals auch viel Ähnliches hat". Der "österreichische Rousseau", wie Berghofer ge- nannt wird, starb am 27. Februar 1825 m Graz. An der k. k. Hauptschule in Steyr kam es mit kai- serlicher Bewilligung vom 21. August 1783 zur Errich- tung einer 4. Klasse, der 1847 ein zweiter Jahrgang für 2lmanb !8crgboicr. (II. 11. r. ;.ibticommifl&i&liol~tf i11 !!Bim.) (Aus Nagl, Zeidler, Castle, Deutsch- österreichische Literaturgeschichte)

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